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Quer durch die Naturwissenschaften

Im Wintersemester 2009/10 startete der neue Studiengang „Chemische Biologie“ am KIT – mit 30 Bachelor- und vier Master-Studierenden.
Interview

Über Inhalte und Perspektiven sprach Margarete Lehné mit Biochemie-Professorin Anne Ulrich, Biologin Dr. Birgid Langer und Biophysik-Professor Marcus Elstner.


Was genau ist neu an dem Studiengang?

ANNE ULRICH: In der klassischen Biologie und Chemie Ausbildung fehlt es den Biologen oftmals an den physikalisch-chemischen Grundlagen bzw. den Chemikern am Verständnis von Zellen und Organismen. Unser neuer Studiengang „Chemische Biologie“ kombiniert beides – der Anstoß dazu kam sowohl aus der gemeinsamen Fakultät als auch aus der Industrie. Diese fordert nämlich eine fokussierte Ausbildung an der Schnittstelle zwischen Chemie, Biologie und Physik. Sie braucht Experten, welche die Problematik – das molekulare Verständnis von biologischen Prozessen – in ihrer Gesamtheit erfassen.

Wo liegen die Schwerpunkte der „Chemischen Biologie“?

MARCUS ELSTNER: Sie klärt biologische Prozesse – Wie funktionieren Proteine? – mit chemischen und physikalischen Methoden, geht aber auch weit darüber hinaus: Können wir diese Moleküle nachbauen, wie können wir sie technisch verwerten und die Prozesse dabei sogar noch optimieren? Das geht auch in Richtung des neuen Feldes Nanobiologie. Attraktiv für Studierende ist deshalb vor allem die Breite an Qualifikationen, die der Studiengang vermittelt – gerade Leute, die sich nicht auf eine Disziplin beschränken wollen, sind hier gut aufgehoben.

Welche Perspektiven haben die künftigen Absolventinnen und Absolventen?

BIRGID LANGER: Sie werden für pharmazeutische Firmen interessant sein, aber vor allem auch – und das ist ein großer Wachstumsmarkt – für die weiße Biotechnologie: Sie versucht, Prozesse, die im Körper ablaufen, technisch so umzusetzen, dass sie in unserer Gesellschaft ökologisch und ökonomisch sinnvoll nutzbar sind. Ein Beispiel dafür ist die industrielle Verwendung von Enzymen, sei es in Waschmitteln, als Farbstoffe oder zur Energiegewinnung. Für diesen Bereich werden wir Fachkräfte produzieren.

Bachelor und Master – für wen sind die Studiengänge spannend?

Für naturwissenschaftliche Allrounder

30 Bachelor- und vier Master-Studierende starten im Wintersemester in die „Chemische Biologie“. Für wen die Studiengänge in Frage kommen und wo die Einsatzmöglichkeiten für Absolventen liegen, erklären Professorin Anne Ulrich, Dr. Birgid Langer und Professor Marcus Elstner.

Für wen ist ein Studium der „Chemischen Biologie“ besonders spannend?

MARCUS ELSTNER: Das Spektrum an Begabungen, die wir brauchen können, ist sehr breit. Das können Leute sein, die sich für Biologie interessieren, aber nicht nur im Labor stehen wollen. Mathematiker und Physiker, die sich um Moleküldynamik-Berechnungen oder Methoden wie z.B. die Magnetresonanz-Spektroskopie kümmern. Bis hin zu Arbeitsgruppen in der Biologie, die verstehen wollen, was die Kollegen aus der Theorie machen.

Der Bachelor-Studiengang vermittelt breites Grundlagenwissen – sollte der Master auf jeden Fall folgen?

ANNE ULRICH: Das empfehlen wir. Genau wie ein klassischer Chemiker ja erst mit der Promotion für die Industrie interessant wird, ist bei diesem Studiengang mindestens der Master erforderlich – wenn nicht sogar nach wie vor die Promotion.

Der Master-Studiengang kommt aber auch für „traditionelle“ Chemie- und Biologie-Studierende in Frage?

BIRGID LANGER: Auf jeden Fall, wenn sie darin die genaue Ausrichtung für sich sehen. Genauso für Physiker, die sich – mehr theoretisch – mit Simulationen oder Berechnungen beschäftigen wollen. Aber auch für Verfahrenstechniker, Materialwissenschaftler oder Ingenieure, die sich für diese Detailsichtweise interessieren.

 

Chemische Biologie – international im Trend

Bio plus X

Die Chemische Biologie geht über die Grenzen der Disziplinen hinaus und eröffnet so neue Perspektiven für Forschung und Entwicklung. Der Bedarf an breit ausgebildeten Experten ist entsprechend hoch.

Die Chemische Biologie steht für ein modernes Verständnis der Naturwissenschaften, dafür „nicht mehr auf einzelnen Disziplinen beharren zu müssen“, sagt die Biochemikerin Anne Ulrich, Professorin am Institut für Organische Chemie und Direktorin am Institut für Biologische Grenzflächen. Wie breit das Fach angelegt ist, zeigten die Aktivitäten, „die jetzt überall angestoßen worden sind“: nicht nur neue Studiengänge, sondern auch eigene Fachsektionen in den Berufsverbänden, neue Fachzeitschriften und Lehrbücher. „Lehrplan beruht auf neuen Einblicken, die vorher noch nicht als solche erreichbar waren, weil das Methodenspektrum fehlte oder die Moleküle nicht bekannt waren.“

„Das Feld ‚Bio’ ist unendlich divers geworden“, sagt auch Marcus Elstner, der die Chemische Biologie am KIT seit dem Wintersemester als Professor am Institut für Physikalische Chemie vervollständigt. Dazu zählten beispielsweise auch Biophysik und Bioinformatik. „Die Industrie fordert deshalb Kräfte, die sowohl mit Biologie als auch mit Chemie sowie mit Physik und vielleicht auch noch mit Informationstechnik umgehen können – zumindest, um grob zu verstehen, was vor sich geht“. Beispiele seien Firmen wie Merck oder BASF, deren Abteilungen sehr unterschiedliche Bereiche abdeckten. Diese Fähigkeit, verschiedene Disziplinen zu verstehen, würden Studierende im neuen Studiengang „Chemische Biologie“ trainieren.

 

 


Zu den Personen

Anne S. Ulrich hat seit 2002 den Lehrstuhl für Biochemie am Institut für Organische Chemie auf dem Campus Süd des KIT und leitet gleichzeitig das Institut für Biologische Grenzflächen-2 am Campus Nord. Die Biochemikerin beschäftigt sich vor allem mit Strukturuntersuchungen an Biomembranen mittels Festkörper-NMR.

Birgid Langer ist Akademische Oberrätin am Institut für Organische Chemie auf dem Campus Süd und Geschäftsführerin am Institut für Biologische Grenzflächen-2 am Campus Nord.

Marcus Elstner ist seit dem Wintersemester Professor für Theoretische Chemische Biologie am Institut für Physikalische Chemie. Damit ergänzt er die Chemische Biologie am KIT um die theoretisch-physikalische Seite.